Chinas „Bad Banks“ – wer rettet eigentlich die Retter?
Aus unserer Sicht sollte man Chinas Schuldenproblem weder verharmlosen noch als unmittelbar bevorstehenden Finanzkollaps darstellen. Die aktuelle Situation ist vielmehr ein strukturelles Problem, bei dem sich hohe Unternehmensschulden, die Immobilienkrise, die Verschuldung lokaler Regierungen, Banken und staatliche Asset Management Companies (AMCs) gegenseitig beeinflussen.
Die AMCs wurden ursprünglich gegründet, um Banken von notleidenden Krediten zu entlasten. Grundsätzlich ist dieses Instrument sinnvoll: Problematische Kredite können aus den Bankbilanzen übernommen, restrukturiert, verkauft oder die zugrunde liegenden Sicherheiten verwertet werden.
Problematisch wird es jedoch, wenn die Übertragung eines Kredits lediglich dazu führt, dass der Verlust an eine andere staatlich kontrollierte Institution weitergereicht wird. Der wirtschaftliche Schaden verschwindet dadurch nicht automatisch.
Der IWF bestätigt diese grundsätzliche Problematik. Chinesische AMCs haben zwischen 2012 und 2024 Problemvermögen von rund 16 Billionen Renminbi, entsprechend etwa 18 % des chinesischen BIP, übernommen. Die übernommenen Vermögenswerte betreffen unter anderem Immobilien, Industrieunternehmen, Großhandel und mit lokalen Regierungen verbundene Finanzierungsvehikel, die sogenannten LGFVs. Der IWF sieht dabei insbesondere Probleme bei der Preisbildung und Transparenz solcher Transaktionen.
👉 Pro: Warum wir keinen unmittelbaren Finanzkollaps erwarten sollten: Der chinesische Staat besitzt erhebliche Eingriffsmöglichkeiten.
Wir sehen einen wichtigen Unterschied zu klassischen marktwirtschaftlichen Bankensystemen. Ein großer Teil des chinesischen Finanzsektors steht unter staatlicher Kontrolle. Dadurch kann die Regierung Banken und andere Finanzinstitute gezielt unterstützen, Kredite umstrukturieren, Laufzeiten verlängern oder Problemvermögen innerhalb staatlich kontrollierter Institutionen verschieben.
Das kann einen plötzlichen Zusammenbruch verhindern oder zumindest deutlich hinauszögern.
Die großen Banken verfügen weiterhin über Puffer:
Der IWF stellt fest, dass die größeren chinesischen Banken weiterhin über vergleichsweise hohe Kapital- und Liquiditätspuffer verfügen. Diese Puffer haben bisher dazu beigetragen, die Auswirkungen der Immobilienkrise und der Probleme bei lokalen Finanzierungsvehikeln einzudämmen.
Deshalb halten wir einen plötzlichen Zusammenbruch des gesamten chinesischen Bankensystems derzeit nicht für das wahrscheinlichste Szenario.
AMCs können grundsätzlich ein sinnvolles Instrument sein:
Wir sollten außerdem nicht den Eindruck erwecken, dass jede Übertragung eines Problemkredits automatisch eine Verschleierung darstellt. Eine AMC kann tatsächlich einen Kredit restrukturieren, Sicherheiten verwerten oder die Forderung an einen anderen Investor verkaufen.
Wenn beispielsweise ein Kredit ursprünglich 100 Einheiten wert war und durch eine erfolgreiche Restrukturierung später 70 Einheiten erlöst werden können, hat die AMC einen Teil des wirtschaftlichen Wertes erhalten. Das Problem besteht daher nicht in der Existenz der AMCs an sich, sondern darin, zu welchem Preis Problemvermögen übernommen wird und wie viel davon tatsächlich wiedergewonnen werden kann.
China verfügt über hohe inländische Ersparnisse und eine relativ geschlossene Finanzstruktur:
Auch dieser Faktor reduziert das Risiko eines klassischen externen Finanzschocks. China verfügt über erhebliche inländische Ersparnisse und einen Finanzsektor, der weniger stark von internationalen Kapitalströmen abhängig ist als beispielsweise viele Schwellenländer.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Schuldenprobleme verschwinden. Es bedeutet vielmehr, dass der Staat mehr Möglichkeiten besitzt, die Anpassung zu steuern.
👉 Contra: Wo wir die größten Risiken sehen: Verluste können innerhalb des Finanzsystems verschoben werden.
Unser wichtigster Kritikpunkt betrifft die mögliche Verschiebung von Verlusten.
Wenn eine Bank einen problematischen Kredit besitzt und diesen an eine staatliche AMC überträgt, verbessert sich zunächst die Bilanz der Bank. Der wirtschaftliche Verlust ist damit aber noch nicht automatisch verschwunden.
Genau hier setzt auch die Kritik des IWF an. Dieser weist darauf hin, dass stabile offizielle NPL-Quoten teilweise mit weniger transparenten Verkäufen von Problemkrediten an AMCs und mit Maßnahmen zur Kreditstundung oder -restrukturierung zusammenhängen können. Dadurch besteht das Risiko, dass Verluste später erkannt werden.
Wir würden deshalb nicht sagen, dass China seine Probleme einfach „wegschiebt“. Treffender ist: Ein Teil der Risiken kann zeitlich verzögert oder innerhalb des staatlich dominierten Finanzsystems verlagert werden.
Die AMCs selbst sind inzwischen systemisch relevanter:
Ursprünglich sollten die AMCs vor allem dazu dienen, die Banken von Altlasten zu befreien. Heute sind sie wesentlich größer und stärker mit anderen Teilen des Finanzsystems verbunden.
Der IWF betrachtet die AMCs deshalb ausdrücklich als Teil des chinesischen Finanzsystems und untersucht ihre Verflechtungen mit Banken, LGFVs, Immobilienunternehmen und anderen Finanzinstituten. Gleichzeitig weist der IWF auf Schwächen bei Kapitalausstattung, Profitabilität und Transparenz hin.
Damit entsteht ein neues Risiko: Eine Institution, die ursprünglich Probleme beseitigen sollte, kann selbst zum Träger von Risiken werden.
Die Immobilienkrise verschärft die Situation:
Ein großer Teil des chinesischen Finanzsystems ist direkt oder indirekt mit dem Immobiliensektor verbunden.
Sinkende Immobilienpreise können dazu führen, dass Sicherheiten weniger wert sind. Gleichzeitig geraten Immobilienunternehmen unter Druck, Banken müssen Kredite abschreiben oder restrukturieren und lokale Regierungen verlieren Einnahmen aus Grundstücksverkäufen.
Dadurch kann ein Kreislauf entstehen:
Immobilienkrise → geringere Sicherheiten → höhere Kreditausfälle → Belastung von Banken und AMCs → weniger Kreditvergabe → schwächeres Wachstum.
Der IWF bezeichnet die Risiken aus dem Immobiliensektor und den hoch verschuldeten LGFVs ausdrücklich als wesentliche Belastungen für die chinesische Finanzstabilität.
Die Verschuldung lokaler Regierungen ist ein weiteres Problem:
Besonders wichtig sind die sogenannten Local Government Financing Vehicles, kurz LGFVs. Über diese Einrichtungen wurden über viele Jahre Infrastrukturprojekte und andere Investitionen finanziert.
Das Problem ist, dass nicht alle dieser Projekte ausreichende Erträge erwirtschaften, um ihre Schulden dauerhaft zu bedienen.
Eine Umschuldung kann kurzfristig helfen, weil sie Zins- und Liquiditätsprobleme reduziert. Sie löst aber nicht automatisch das grundlegende Problem eines wirtschaftlich nicht tragfähigen Projekts.
Wir sehen deshalb eine Verbindung zwischen drei Bereichen:
lokale Regierungen → LGFVs → Banken und AMCs.
Wenn sich die Probleme bei einem dieser Akteure verschärfen, können sie auf die anderen Bereiche übergreifen.
👉 Die Schuldenhöhe ist hoch – aber allein noch kein Beweis für eine Krise:
Auch die häufig genannte chinesische Gesamtverschuldung muss differenziert betrachtet werden.
Der IWF weist für China eine sehr hohe Verschuldung des nichtfinanziellen Sektors aus. In seiner aktuellen Projektion liegt diese Größenordnung bei rund 347 % des BIP. Die inländische Verschuldung nichtfinanzieller Unternehmen liegt bei ungefähr 127 % des BIP, während die Verschuldung der privaten Haushalte bei rund 61 % des BIP liegt. Diese Zahlen sind zweifellos hoch.
Wir sollten daraus aber nicht automatisch schließen, dass China unmittelbar vor einer Staats- oder Bankeninsolvenz steht. Entscheidend ist nicht nur die Höhe der Schulden, sondern auch, wer die Schulden hält, wer die Gläubiger sind, welche Sicherheiten bestehen und ob die Schuldner ausreichende Einnahmen erzielen.
China hat dabei einen wichtigen Vorteil: Ein großer Teil der Finanzierung findet innerhalb des eigenen Finanzsystems statt und wird von staatlich beeinflussten Institutionen getragen.
👉 Warum wir eher mit einem langsamen Problem als mit einem „Lehman-Moment“ rechnen:
Er suggeriert, dass sich die chinesische Verschuldung plötzlich in einer einzigen großen Finanzkrise entlädt. Dafür gibt es derzeit keine ausreichenden Belege.
Wahrscheinlicher erscheint uns ein langsamer Anpassungsprozess.
Problematische Unternehmen werden möglicherweise über Jahre refinanziert. Kredite werden verlängert, Immobilienwerte sinken, AMCs übernehmen Problemvermögen und lokale Regierungen strukturieren ihre Schulden um.
Das kann einen spektakulären Zusammenbruch verhindern. Gleichzeitig kann es aber zu einem anderen Problem führen: langfristig schwaches Wachstum und eine ineffiziente Kapitalverteilung.
Unternehmen, die wirtschaftlich eigentlich nicht mehr tragfähig sind, können durch günstige Finanzierung länger am Leben gehalten werden. Kapital und Arbeitskräfte bleiben dann möglicherweise in wenig produktiven Bereichen gebunden.
Der IWF warnt genau vor dieser Art von Verlustverschiebung und verzögerter Verlustanerkennung.
Unser Fazit: Wir sehen Chinas Schuldenproblem deshalb nicht als unmittelbar bevorstehenden Kollaps, sondern als langfristiges strukturelles Risiko.
Für eine Stabilisierung spricht:
- Der Staat kontrolliert große Teile des Finanzsystems.
- Die großen Banken verfügen weiterhin über Kapital- und Liquiditätspuffer.
- Der Staat kann Kredite umstrukturieren und Problemvermögen innerhalb des Systems verlagern.
- China verfügt über hohe inländische Ersparnisse und erhebliche finanzpolitische Steuerungsmöglichkeiten.
- AMCs können Problemkredite tatsächlich restrukturieren und verwerten.
Dagegen sprechen:
- Die Verschuldung des nichtfinanziellen Sektors ist außergewöhnlich hoch.
- Die Immobilienkrise belastet Sicherheiten, Unternehmen, Banken und lokale Regierungen.
- LGFVs stellen ein zusätzliches Verschuldungsproblem dar.
- Problemkredite können teilweise zeitlich verzögert oder zwischen Institutionen verschoben werden.
- Die AMCs selbst sind inzwischen groß und miteinander verflochten und können deshalb eigene systemische Risiken entwickeln.
- Eine dauerhafte Stützung schwacher Unternehmen kann Produktivität und Wirtschaftswachstum beeinträchtigen.
Unserer Einschätzung nach liegt das größte Risiko daher nicht in einem plötzlichen „Lehman-Moment“, sondern in einer jahrelangen Verschleppung und Umverteilung von Verlusten. Der chinesische Staat besitzt genügend Kontrolle, um eine akute Krise wahrscheinlich abzufedern. Gleichzeitig kann diese Kontrolle dazu führen, dass notwendige Bereinigungen langsamer erfolgen.
Wir würden deshalb eher von einer „langfristigen Schulden- und Bereinigungsproblematik“ als von einer unmittelbar bevorstehenden Schuldenbombe sprechen. Diese Formulierung entspricht auch besser der aktuellen Einschätzung des IWF, der zwar erhöhte und teilweise steigende Finanzstabilitätsrisiken sieht, aber keinen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch des chinesischen Finanzsystems prognostiziert.
Ich freue mich auf einen informativen und konstruktiven Austausch in unserer LinkedIn-Gruppe
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